Angriff der Kaffeekreationen – plörrige Brühe zu überhöhten Preisen

Restaurants, Imbissbuden und Bäckereien haben zum ersten Mal nach dem Wirtschaftswunder mediterane Kaffeekultur entdeckt. Überall schießen High-Tech-Brüh-Maschinen aus dem Boden. Wunderhübsche Namen für die Kaffeekreationen mit aufgepusteter Milch gibt es für umsonst dazu. Die Liste der unmittelbaren Vergiftungserscheinungen allerdings auch.

Endlich sind die 08/15-Kaffeemaschinen aus unserer Gesellschaft so gut wie verschwunden. Allerortens sieht man schäumende Tassen, jeder zweite in der U-Bahn sieht aus, als würde er sein Badewasser im Becher mit sich rumtragen. Jeder noch so piefige Laden bietet Latte Macchiato, Cappucino und Konsorten an. Warum schmeckt die Brühe eigentlich trotzdem wie ehedem? Die Antwort ist logisch: Der Deutsche an sich versteht Kaffee einfach nicht. Aussagen wie „Ich trinke abends keinen Kaffee, sonst kann ich wieder nicht schlafen“ zeigen deutlich, wes Geistes Kind der Sprecher ist. Man braucht offenbar einen Grund, um Kaffee zu konsumieren, entweder um wach zu werden oder um wach zu bleiben. Dazu gesellt sich das gesellschaftliche Moment zu verschiedenen Anlässen, Silberhochzeit, Taufe, Geburtstag. Ähnlich einem Fünf-Uhr-Tee wird ritualisiert irgendein Heißgetränk zu sich genommen, egal ob es schmeckt.

Mit Hilfe von ultradurchgestylten Maschinen soll die Situation aufgepeppt werden und so etwas wie Flair soll Einzug nehmen in die teutonische Kaffeelandschaft. Diese Maschinen können für wenig Geld im privaten Haushalt und zu horrenden Preisen für die Gastronomie angeschafft werden – das Produkt ist aber in beiden Fällen identisch. Mal lauwarm, mal lavaheiß, aber aus Prinzip vergleichbar mit heißer Milch mit Honig und einem Schuß brauner Brühe, biedert sich die Tasse einem Endverbraucher an, der sie nicht zu schätzen weiß. Dem ist es im Allgemeinen auch egal, ob das selbe Pulver drei bis viermal aufgebrüht wurde. Eine Einstellung, die er mit demjenigen, der den Kaffee kredenzt hat, teilt. Und derer gibt es viele: Kaum ein Bäcker oder Friseur, der nicht plörrige Suppe mit Schaum anbietet, dafür den dreifachen Preis berechnet und dem auch noch leicht zynisch einen möglichst exotischen Namen gibt.

Das sieht nicht gut aus, schmeckt nicht und macht interessanterweise nicht einmal wach.

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