DOSB-Chef: «Skandalfreiheit» statt Medaillen

Rio de Janeiro (dpa) – Für DOSB-Präsident Alfons Hörmann hat die Fixierung auf Medaillengewinnen bei den Olympischen Spielen nach dem Doping-Skandal um Russland nicht die erste Priorität.

Gerade in solchen Zeiten sollte «der Fokus weniger auf Metall, sondern vielleicht wieder mehr auf Charakter, Herzblut und Leidenschaft liegen», sagte der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur.

Die Olympischen Spiele in Rio finden unter schwierigen Bedingungen statt: Das Land erlebt eine Staatskrise, hat finanzielle und ökologische Probleme. Was erwarten sie von den Spielen?

Alfons Hörmann: Vor den jeweiligen Spielen gibt es immer viele Dinge, die mehr oder weniger kritisch thematisiert werden. Das ist nichts Neues. Doch das, was aus Brasilien seit geraumer Zeit zu hören ist, ist zweifelsohne etwas anders einzuordnen. Die Rahmenbedingungen sind erkennbar schwieriger, als sie es bei anderen Spielen bisher waren. Die Vorfreude lassen sich Athleten und auch wir in der Führung der Mannschaft jedoch trotzdem nicht nehmen. Aber wir gehen doch mit einer nochmals erhöhten Sensibilität nach Rio. Wir dürfen diese Spiele und auch andere weltweiten Wettbewerbe jedoch auch nicht immer nur durch die Brille deutscher Perfektion anschauen. Ich will aber nichts schönreden oder glorifizieren. Brasilien muss nach seinen Zusagen vor der Vergabe dem Weltsport nun beweisen, dass es trotz der Krise schöne und Mut machende Spiele ausrichten kann.

Der deutsche Fahnenträger wird in diesem Jahr in neuer Form gewählt. Nach der Vorauswahl von fünf Kandidaten wählen die Bürger und das Olympia-Team den Fahnenträger. Warum dieses neue Verfahren?

Hörmann: Das Ziel war, noch mehr Identifikation mit der deutschen Olympiamannschaft herzustellen sowie vorbildlich transparent und offen zu agieren. In der Vergangenheit ist ja vielleicht nicht zu Unrecht kritisiert worden, dass nur ein relativ kleiner Kreis von Personen diese wichtige Entscheidung getroffen hat. Wir mussten nun in einem kleinen Kreis die fünf Kandidaten auswählen. Das war schon schwer genug, sich aus einer tollen Mannschaft auf fünf Top-Kandidaten zu einigen. Vielleicht ist es deshalb ganz gut, dass uns die noch schwierigere Entscheidung auf eine Person damit abgenommen wird.

Und sind die fünf Kandidaten alle erste Wahl?

Hörmann: Jeder der fünf Athleten, die nominiert sind, bringt in jeder Hinsicht – olympische Erfolge, Persönlichkeit, Bekanntheit, Ausstrahlung – die Voraussetzungen mit, ein würdiger Fahnenträger zu sein. Ich blicke deshalb mit großer Gelassenheit auf die Wahl, weil eine breite Mehrheit entscheidet, wer der deutsche Kapitän sein wird.

44 Medaillen möchte der DOSB aus Rio mitnehmen. Wären weniger als 40 Medaillen eine Enttäuschung und vier oder fünf Medaillen mehr als kalkuliert ein Grund zum Jubeln?

Hörmann: Erst einmal: Wir werden über jede Medaille jubeln. Nach dem, was vor den Spielen in Sachen Doping aber nun alles diskutiert wurde, sollten wohl andere Werte für das Olympia-Team im Vordergrund stehen als nur die absolute Zahl von Medaillen. Für mich haben damit die Verletzungs- und vor allem die Skandalfreiheit oberste Priorität. Denn, was wir einmal mehr schmerzvoll im Weltsport erkennen müssen: Erfolg um jeden Preis kann und darf nicht das Maß aller Dinge sein.

Was dann?

Hörmann: Gerade in solchen Zeiten, in denen wir über Manipulation, unfaire Wettbewerbe und viele weitere kritikwürdige Dinge zu diskutieren haben, sollte der Fokus weniger auf Metall, sondern vielleicht wieder mehr auf Charakter, Herzblut und Leidenschaft liegen. Wir wollen zuerst einmal vorbildliche Botschafter für unser Land sein. Ob es dann einige Medaillen mehr oder weniger werden, ist in diesem Zusammenhang als nachrangig zu sehen. Da gibt es auch keine abgestimmte oder vorgegebene Sprachregelung.

Wird es diese Zielvorgaben auch nach der geplanten Leistungssportreform noch geben? Hält man an Medaillenprognosen fest?

Hörmann: In irgendeiner Form wird man natürlich auch künftig Potenziale ermitteln und messbar definieren müssen – das ist ein wichtiger Bestandteil des Hochleistungssports. Daran wird auch das zukünftige Leistungsportkonzept nichts ändern. Wir diskutieren aktuell noch intensiv über den künftigen Kreislauf der Förderung, und es wird damit vielleicht nicht mehr Zielvereinbarung heißen, aber im Grunde geht es natürlich um angemessene Zielstellungen auf dem Niveau weltweiter Spitzenleistungen.

Russland hat 2012 in London 82 Medaillen gewonnen. Wird es einfacher ohne gedopte russische Athleten, Medaillen zu holen?

Hörmann: Die Frage kann man wohl erst beantworten, wenn man weiß, wie das russische Team nun konkret aussehen wird und in welchen Sportarten mit wem die Russen vertreten sind. Erst dann kann man sachgerecht einschätzen, was das für unser Team bedeutet. Ich will nicht ausschließen, dass sich in einigen Sportarten die Chancen damit noch etwas erhöhen. Es gibt aber dazu bislang keinerlei Berechnungen oder Prognosen. Was bislang kaum wahrgenommen wurde, ist, dass es ja auch schon andere Sperren wegen Dopings gab: Im Kanu fielen dadurch zum Beispiel Quotenplätze aus Weißrussland und Rumänien an uns.

Die deutschen Athleten gehen dopingfrei an den Start?

Hörmann: Davon gehe ich, wie in der Vergangenheit, aus. Bei uns wird durch die NADA und mit großem Engagement unserer Fachverbände sowie strengen Kontrollen 365 Tage und Nächte daran gearbeitet. Und ich habe nicht den geringsten Zweifel, dass es erfolgreich umgesetzt wird. „Alles geben – nichts nehmen“: Das NADA-Motto werden wir auch weiterhin aktiv umsetzen, wo immer wir Einfluss haben. Gerade deshalb erwarten wir von der WADA, dass dieser Standard nun auch endlich weltweit in der Praxis umgesetzt wird.

Kann das Abschneiden des deutschen Teams in Rio noch Einfluss auf die Leistungssportreform haben, die nach Olympia verabschiedet wird und die internationale Konkurrenzfähigkeit stärken soll?

Hörmann: Aus meiner Sicht so gut wie nicht. Natürlich wird man sich das Ergebnis noch einmal ansehen, und wenn wichtige leistungssportliche Erkenntnisse vorliegen, wird man diese natürlich noch intensiv diskutieren. Aber was man für die kommenden Spiele in vier und acht Jahren auf die Beine stellen will, muss man von Rio doch weitgehend trennen. Fünf oder zehn Medaillen mehr oder weniger bei den Spielen in Brasilien werden also sicher nicht dazu führen, dass wir die Reform in die eine oder andere Richtung noch nennenswert verändern.

ZUR PERSON: Alfons Hörmann (55) ist seit Dezember 2013 DOSB-Präsident und war davor unter andern Präsident des Deutschen Skiverbandes (2005-2013).

Fotocredits: Arne Dedert

(dpa)
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