Hauptstadttourismus und Touristenterror

Berlin erlebt momentan einen wirtschaftlichen Aufschwung, den der lange Zeit darbenden Hauptstadt kaum jemand zugetraut hatte. Die steigende Beliebtheit bei Touristen trägt zu diesem Trend bei. Doch immer mehr Berliner fühlen sich dadurch belästigt.

Viele Berliner stören die Touristenmassen

2013 verzeichnete Berlin rund 13 Millionen Besucher, die Hoteliers konnten sich über etwa 27 Millionen Übernachtungen freuen – ein neuer Rekord! Diese große Attraktivität auf in- und ausländische Gäste kommt der Wirtschaft Berlins zugute. Nach letzten Schätzungen gaben die Touristen hier 2011 bereits mehr als zehn Milliarden Euro aus. Mit den steigenden Besucherzahlen seitdem dürfte der Betrag heute noch höher liegen. Auf einhellige Freude stößt diese Entwicklung jedoch nicht: Insbesondere in beliebten Szenebezirken wie Kreuzberg und Friedrichshain formiert sich Widerstand, denn die Bewohner fühlen sich gestört. Ständig begegnen sie in ihren Wohnbezirken einer großen Anzahl an Touristen, die nach dem Weg fragen oder Lärm verursachen. Diese Kritik findet sich mittlerweile sogar als gegen Touristen gerichtete Graffitis an einigen Hauswänden wieder. Auch politische Initiativen gibt es, wie zum Beispiel gegen den Bau neuer Hotels.

Woher rührt die Abneigung?

Touristen strömen auch in andere Metropolen Deutschlands wie etwa nach Hamburg oder München – die dortigen Einwohner zeigen aber keine vergleichbare Ablehnung der Besucher. Es stellt sich also die Frage, warum ausgerechnet das Verhältnis zwischen vielen Berlinern und ihren Gästen so schwierig ist. Manche führen das auf die Geschichte der Hauptstadt zurück: bis zum Mauerfall war West-Berlin weitgehend abgeschottet, auf die Insel innerhalb der DDR kamen deutlich weniger Besucher als heute. Andere wiederum verweisen auf die Stadtstruktur Berlins. Die Attraktionen wie Sehenswürdigkeiten und Locations für das Nachtleben befinden sich in vielen Wohnbezirken, in denen die Bewohner bis zu einem gewissen Maß ihre Ruhe haben möchten. In anderen Großstädten konzentrieren sich die Touristenströme dagegen auf die Innenstadt und auf räumlich deutlich begrenztere Stadtteile – damit sehen sich folglich weniger Einwohner mit den Touristenmassen konfrontiert.

Zwischen verstimmten Berlinern und wirtschaftlichem Vorteil

Die Berliner und die Touristen: dieses Verhältnis beschäftigt mittlerweile auch die Stadtpolitik. Bei Entscheidungen wie zu Hotelneubauten dürften die Interessen der Tourismusbranche aber weiter die Oberhand behalten, denn der Sektor hat sich zu einem wichtigen Wirtschaftszweig für die Stadt entwickelt. Den verstimmten Bewohnern bleibt also nur, ihren Unmut zu äußern.

Bild: (C) Asier Villafranca

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