IOC gerät in Russlandfrage unter Zeitdruck

Pyeongchang – «Zutritt verboten», steht auf der hellgrauen Metalltür im Erdgeschoss des Internationalen Sendezentrums von Pyeongchang.

Die Mitglieder des IOC-Exekutivkomitees dürfen allerdings in den Raum. Präsident Thomas Bach sitzt am Kopfende einer langen Tafel vor einer weißen Stellwand. Die an schicke Hotels gewöhnte Olympia-Regierung tagt in einem ungewohnt schmucklosen Raum. «Die Sitzung ist auf zwei Stunden angesetzt. Es wird keine Kaffeepause geben», ruft eine IOC-Sprecherin drei Dutzend wartenden Journalisten zu. Um 16.45 Uhr (8.45 Uhr MEZ) schließt sich die Metalltür.

Dreieinhalb Stunden später ist immer noch keine Entscheidung darüber gefallen, ob das IOC das Nationale Olympische Komitee Russlands wieder aufnimmt. Das Exekutivkomitee vertagt sich auf Sonntag, 8.00 Uhr Ortszeit (0.00 Uhr MEZ). Von besonderer symbolischer Bedeutung ist die Frage, ob die Athleten aus Russland bei der Schlussfeier hinter ihrer Fahne im Olympiastadion von Pyeongchang einlaufen dürfen. Die Zeit drängt.

Am Samstag bekam das Exekutivkomitee die Ergebnisse einer Kommission vorgelegt, die während der Spiele untersucht hat, ob die Russen «Buchstaben und Geist» eines Verhaltenskodex befolgt haben. Diese Regeln hatte das IOC den in neutraler Kleidung gestarteten 168 russischen Athleten auferlegt. Chef de Mission Stanislaw Posdnjakow und Jewgenia Medwedewa, Silbermedaillengewinnerin im Eiskunstlauf, verteidigen die Olympischen Athleten aus Russland vor dem Exekutivkomitee.

Doch die Dopingfälle des Curlers Alexander Kruschelnizki und der Bobpilotin Nadeschda Sergejewa dürften als schwere Verstöße gegen die Regeln zu werten sein. Fotos und Videos, die Sergejewa in einem Anti-Doping-T-Shirt (Aufschrift: «I don’t do doping») zeigen und in Sozialen Netzwerken im Umlauf sind, wirken wie eine Realsatire.

Doch welche Entscheidungsmöglichkeiten hat das IOC nun? Es kann den Bann für die Russen gar nicht, teilweise oder vollständig aufheben, betonte IOC-Sprecher Mark Adams. Es gibt einiges Rätselraten darüber, wie eine teilweise Aufhebung aussehen könnte. Flagge bei der Schlusszeremonie erlauben, aber Suspendierung verlängern? Eine weitere Geldstrafe?

Am Sonntag wird die IOC-Session, die Vollversammlung der IOC-Mitglieder, das Thema voraussichtlich noch einmal behandeln. Bis zuletzt stand nicht fest, ob sie über die Russlandfrage auch abstimmen wird. Es herrscht allgemeine Verwirrung. Eigentlich reicht ein Beschluss des Exekutivkomitees, doch wahrscheinlich holt es sich wegen der Bedeutung des Falls noch die Rückendeckung der Vollversammlung. Offenbar liegt viel Rede- und Abstimmungsbedarf vor. IOC-Präsident Thomas Bach hat seine Abschlusspressekonferenz für Sonntag jedenfalls um zwei Stunden nach hinten verschoben.

In Pyeongchang hatte es in den vergangenen Tagen Spekulationen darüber gegeben, dass schon Abmachungen zwischen der IOC-Spitze und russischen Vertretern getroffen worden seien und die Wiederaufnahme eine beschlossene Sache sei. Dass die Russen nach eigenen Angaben 15 Millionen Dollar (rund zwölf Millionen Euro) für den Anti-Doping-Kampf gezahlt haben, deuten einige Beobachter als Teil eines Deals. Die Zahlung ist Teil der Auflagen, die die Russen im Nachgang zum Manipulationsskandal von Sotschi erfüllen müssen.

Auch das Einlenken der Russen im Fall des Curlers Kruschelnizki wurde als Annäherung gedeutet. Doch dann kam der zweite russische Dopingfall. Dabei sollten nach eingehender Prüfung doch nur saubere Athleten aus Russland auf der Einladungsliste des IOC für Pyeongchang stehen. Und jetzt kommen zwei der vier Positivfälle bei diesen Spielen aus ihrem Lager.

Die Vereinigung der wichtigsten Nationalen Anti-Doping-Agenturen warnte in einem offenen Brief an die IOC-Mitglieder. Um wieder anerkannt zu werden sei von den Russen ein «Bekenntnis zu den grundlegenden Werten des Sports erforderlich – und das kann nicht gekauft werden». Sie verwiesen darauf, dass Moskau die Untersuchungsergebnisse immer noch nicht akzeptiert, die massive Manipulationen bei den Winterspielen von Sotschi 2014 erwiesen hatten.

Die Stimmen, die zumindest die Bewährungsfrist für die Russen ausdehnen wollen, mehren sich. Alfons Hörmann, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, sagte den Zeitungen der Funke Mediengruppe: «Den Status ‚Unter Beobachtung‘ hätte ich mir bis zu den Sommerspiele 2020 in Tokio gut vorstellen können.» Ähnlich sieht es Karl Stoss, der Präsident des Österreichischen Olympischen Komitees.

Spannend wird zu beobachten sein, wie sich die Sportler aus aller Welt verhalten, falls das IOC die russische Fahne bei der Schlussfeier zulässt. Athletensprecherin Angela Ruggiero warnte vor einem Boykott. «Es gibt andere Möglichkeiten, seinen Protest auszudrücken», sagte sie.

Fotocredits: Michael Kappeler
(dpa)

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