Niederlande im Rausch: Tag ohne Gold wie Fritten ohne Soße

Amsterdam – Der olympische Medaillenregen für die Oranje-Eisflitzer wirkt für die Niederländer schon wie ein Suchtmittel. Ein Olympia-Tag ohne Gold ist da wie Fritten ohne Soße – es fehlt einfach etwas.

Aber auch wenn Topfavorit Sven Kramer mit seinem Absturz über die 10.000 Meter kurz die Euphorie in der Heimat dämpfte, sind die Holländer wie schon in Sotschi 2014 die beherrschende Nation im Eis-Oval von Pyeongchang.

Mit dicken orange-farbenen Schlagzeilen bejubeln die Zeitungen ihre Helden auf Schlittschuhen. Radio und Fernsehen kommentieren alles in endlosen Sondersendungen – und die Holländer bekommen nicht genug davon. Gut zwei Millionen TV-Zuschauer sahen bisher täglich die Rennen live – und das während der Arbeitszeit. Das Eis-Fieber ergriff auch den König. In den ersten Tagen jubelte Willem-Alexander auf der Tribüne in Pyeongchang, als es Gold in Serie gab. Zwölf Medaillen in Südkorea haben die Niederländer bereits gewonnen, zehn durch die Eisschnellläufer und zwei im Shorttrack.

Das erinnert schon wieder an den Rekord von Sotschi, als es gleich 24 Mal Edelmetall für die Kufen-Flitzer gab. «Wir müssen erst noch sehen, ob das alles so einfach geht, wie jeder sagt», hatte Teamchef Jeroen Bijl vorher gewarnt. Dann schlug die Eis-Supermacht wieder zu. Doch wie machen die Niederländer das?

Für eine Moderatorin des US-Senders NBC war das sonnenklar: «Schlittschuhe sind ein wichtiges Verkehrsmittel in einer Stadt wie Amsterdam», sagte Katie Couric zu Beginn der Spiele. Auf den Grachten liefen «die Niederländer auf Schlittschuhen zur Arbeit, um die Wette oder einfach nur zum Spaß». Prompt höhnten die Niederländer im Internet: Klar, wenn wir nicht gerade Radfahren, Käse essen oder auf Klompen tanzen, laufen wir Schlittschuh. Inzwischen hat sich Couric via Twitter entschuldigt.

Ganz unrecht aber hat sie nicht. Nur weil es so viele Grachten und Kanäle gibt, konnte Eislaufen überhaupt ein Volkssport werden. In Zeiten des Klimawandels ist Schlittschuhlaufen auf Natureis zwar längst die Ausnahme. Die Amsterdamer Grachten froren zuletzt 2012 zu.

Dennoch ist die Zahl von hunderttausenden Freizeitläufern einer der Gründe für die Überlegenheit der Oranje-Streitmacht. Daraus erwächst ein Füllhorn an Nachwuchsläufern, die sich später in Privatteams der Konkurrenz auf hohem Niveau stellen müssen. Der deutsche Cheftrainer Jan van Veen, selbst ein Niederländer, erklärte: «Bei den deutschen Meisterschaften der A-Junioren hatten wir sechs Teilnehmer. In Holland kämpfen in jeder Provinz 40 darum, überhaupt bei den Landesmeisterschaften starten zu dürfen.»

Welche Wirkung die Liebe zum Eis und die steten Erfolge in seiner Heimat haben, weiß van Veen auch. «In Holland gibt es nur ein Drittel hauptamtlicher Trainer im Vergleich zu Deutschland. Die meisten machen das ehrenamtlich, haben einfach nur Spaß», sagte der Coach.

Doch wehe, es geht mal daneben wie bei Kramers sechstem Platz am Donnerstag. «Vom Phänomen zum Mysterium», titelte der «De Telegraaf» entsetzt. Und die satirische Internetseite De Speld (Die Nadel) spottete bitterböse, der schwächelnde Superstar solle sich nicht grämen, denn: «Auch Rembrandt und Mandela gewannen nie die 10 Kilometer.»

Fotocredits: Peter Kneffel
(dpa)

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