Philipp Lahm wird «Privatier»: Servus mit Kalkül

München – Der Blumenstrauß zum Dienstjubiläum in den Händen von Philipp Lahm erlangte urplötzlich eine ganz andere symbolische Bedeutung. In der Nacht wirkte das Geschenk von Karl-Heinz Rummenigge nach dem angekündigten Ende von Lahms Bilderbuchkarriere wie ein erstes Abschiedsgeschenk.

«Irgendwann ist es einfach zu Ende, und das Ende will ich selber bestimmen», begründete der 33 Jahre alte Lahm seine Kündigung als Fußballprofi. In diesem Sommer – statt wie vertraglich vereinbart am 30. Juni 2018 – ist für den kühl kalkulierenden Karriereplaner beim Rekordmeister Feierabend. Der Entscheider Lahm setzt damit konsequent den Weg fort, den er auch in der Nationalmannschaft beschritten hatte. Am Morgen nach dem WM-Triumph 2014 teilte Lahm noch in Brasilien Bundestrainer Joachim Löw seinen Entschluss zum Rücktritt mit. Der hochdekorierte Weltmeisterkapitän trat auf dem Höhepunkt seiner DFB-Schaffensphase ab. Damals kam der Schritt überraschender als diesmal.

Auch im Vereinsalltag, der den Familienvater nach anderthalb Jahrzehnten als Profi immer mehr Kraft kostet, will er ein großes Ende: Bloß nicht irgendwann als Auslaufmodell ohne Einfluss und weitab von Auftritten auf allerhöchstem Niveau enden. Wie in den knallharten Mechanismen des Fußballs mächtige Anführer stürzen können, erlebte er als Profiteur beim Nationalmannschafts-K.o. von Michael Ballack hautnah. Lahm war 2010 fortan der Kapitän.

«Ich bin mir sicher, dass ich bis zum Ende der Saison meine Topleistung abrufen kann, aber nicht darüber hinaus», sagte Lahm nach dem 1:0 seiner Münchner gegen den VfL Wolfsburg. Nach 501 Pflichtspielen für den Herzensclub, sieben Meisterschaften, sechs Pokalsiegen und dem Champions-League-Triumph 2013 als Krönung verkündete einer der immer noch besten Außenverteidiger der modernen Fußball-Historie die «einfach gereifte» Entscheidung.

Gleich an einen Schreibtisch in der FC-Bayern-Zentrale an der Säbener Straße will der Unternehmer nicht wechseln. «Es gab Gespräche. Am Ende habe ich mich aber dazu entschlossen, dass es nicht der richtige Zeitpunkt ist, beim FC Bayern einzusteigen», formulierte es Lahm. Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge hatte ihm den Posten des Sportdirektoren reserviert. Lahm will lieber «ein kleines Break». Für den zeitlichen Abstand schlägt er ein lukratives Club-Angebot aus.

«Für mich steht fest, dass ich ab Sommer Privatier bin. Ich kann mich noch mehr um andere Dinge kümmern, ich kann mich ein bisschen umschauen, umhören, mich mit anderen Leuten treffen», sagte der am idyllischen Tegernsee residierende Lahm. Ob es ein Bayern-Abschied für immer wird, ließ der an mehreren Firmen beteiligte und gesellschaftlich aktive Lahm offen. Dem 113-maligen Nationalspieler stünden auch beim DFB Türen offen. Eine Azubi-Rolle wird Lahm aber nirgendwo übernehmen. Wenn er – wo auch immer – einsteigt, will der leidenschaftliche Golfspieler gestalten können.

Durch die Absage Lahms rückt Gladbachs Manager Max Eberl automatisch in den Münchner Fokus. Der 43-Jährige hat eine langjährige Bayern-Vergangenheit und ein gutes Verhältnis zu Präsident Uli Hoeneß. «Ich habe gar keine Namen im Kopf, weil wir bisher nur mit Philipp Lahm gesprochen haben», bekundete Aufsichtsratschef Hoeneß. «Es wird sicherlich alles dafür getan, dass ab dem 1. Juli ein Sportmanager, Sportdirektor oder Sportvorstand da ist.»

«Die ganze Diskussion, ob Sportdirektor oder Sportvorstand, nutzt hier gar nichts», erklärte Hoeneß mit seinem rot-weißen Bayern-Schal um den Hals in der ARD. «Du musst ein guter Mann sein, und was du für einen Titel hast, ist für sonstwas», stellte Hoeneß fest.

Seit 1995 ist Allrounder Lahm, unterbrochen von einem kurzen Intermezzo in Stuttgart, beim FC Bayern. «Er ist ein fantastischer Spieler, eine großartige Persönlichkeit», lobte Trainer Carlo Ancelotti. Als «Musterprofi» und «Weltklassespieler» bezeichnete ihn Löw erst kürzlich in einer UEFA-Würdigung. «Er ist eine absolute Legende und der intelligenteste Spieler, den ich je in meiner Karriere trainiert habe», rühmte ihn Ex-Trainer Pep Guardiola.

Erstmals feierte Lahm am 3. November 2002 beim 3:3 in der Champions League gegen Lens sein Pflichtspieldebüt bei der Profi-Garde. Geht es nach Lahms «Sehnsucht», dann krönt er am 3. Juni nach dem Finale im selben Wettbewerb im Millennium Stadium von Cardiff mit dem Henkelpott in den Händen seine herausragende Bayern-Vita. Im kleineren DFB-Pokal blieben die Bayern mit dem 10. Viertelfinaleinzug nacheinander auch auf Titelkurs. Lahm könne noch 100 Jahre spielen, scherzte Kollege Thiago. Es werden aber nur noch rund 100 Tage sein.

Fotocredits: Matthias Schrader,Andy Rain,Ballesteros,Matthias Balk,Andy Rain
(dpa)

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