Todts mäßige Bilanz beim HSV: «Wir hinterfragen uns immer»

Hamburg – Es gibt derzeit angenehmere Jobs in der Fußball-Bundesliga, als beim Hamburger SV Sportdirektor zu sein. Seit einem Jahr versucht sich Jens Todt an der Aufgabe, den Traditionsclub altem Glanz zu verleihen.

Doch nimmt man die nackten Zahlen sieht die Bilanz enttäuschend aus: Als er am 6. Januar 2017 seinen Posten antrat, stand der HSV auf Platz 16, zwölf Monate später ist der Verein 17. – und wieder einmal geht es um das sportliche Überleben.

«Wenn man nach 19 Spieltagen mit 15 Punkten ganz unten steht, dann sind einige Fehler passiert. Das ist überhaupt keine Frage», gesteht der 48-Jährige ein. «Wir hinterfragen uns immer: Was ist richtig? Was war falsch? Was hätten wir besser machen können? Was waren die Mittel, die wir zur Verfügung haben? Wir sind da sehr kritisch mit uns.»

Die Rahmenbedingungen für den ehemaligen Nationalspieler sind allerdings auch nicht einfach. Die HSV Fußball AG ist mit Verbindlichkeiten von 105,5 Millionen Euro belastet. Dazu haben die Hamburger in Klaus-Michael Kühne einen Investor, der immer wieder gern mit Äußerungen für Unruhe sorgt. Ferner sieht sich der HSV einer kritischen Öffentlichkeit und überzogenen Erwartungen gegenüber.

Konsequenzen in der Krise haben Todt und Vorstandschef Heribert Bruchhagen aber erst einmal an der üblichen Stelle gezogen: Nach der Beurlaubung von Trainer Markus Gisdol soll nun Bernd Hollerbach den erstmaligen Abstieg des Bundesliga-Gründungsmitglieds verhindern. Klappt das nicht, wird das kaum an dem Ex-Profi des HSV festgemacht werden. Dann rückt Todt noch stärker in die Kritik.

Vor allem hat er in der Winterpause noch immer keine Verstärkung präsentieren können. Die Konkurrenz steht besser da, wie der HSV leidvoll am vergangenen Samstag erleben durfte, als Stürmer-Schnäppchen Simon Terodde für seinen neuen Verein 1. FC Köln beide Tore beim 2:0 gegen die Hamburger erzielte. «Wir sondieren ganz intensiv den Markt und sind nicht untätig», versicherte Todt bei der Hollerbach-Vorstellung in dieser Woche.

Im vergangenen Jahr waren unter anderen Margim Mavraj, Kyriakos Papadopoulos und Walace dank der Kühne-Millionen gekommen. Andernfalls wäre der HSV nach Bruchhagens fester Überzeugung abgestiegen. Diese Transfers hatte aber auch Ex-Vorstandschef Dietmar Beiersdorfer mit auf den Weg gebracht. Vorerst muss Hollerbach bis zum Spiel am Samstag bei RB Leipzig mit dem Kader auskommen, mit dem sein Vorgänger die Wende zum Besseren nicht schaffte.

Für den ehemaligen Bundesliga-Profi Todt ist der Sportdirektoren-Posten der erste in dieser Funktion in der 1. Liga. Zuvor hatte er beim damaligen Zweitligisten Karlsruher SC im gleichen Amt gearbeitet und ein Team geformt, das 2015 am Erstliga-Aufstieg erst in der Relegation gegen den HSV scheiterte. Er habe «das sichere Gefühl, dass Jens Todt aufgrund seiner Vita sehr gut passt», hatte vor einem Jahr Bruchhagen bei der Verpflichtung gesagt.

Ganz unbekannt war für Todt das schwierige Terrain Hamburg nicht. 2009 hatte er nach nur einjähriger Tätigkeit als Nachwuchschef wegen Differenzen mit dem damaligen HSV-Vorstandsvorsitzenden Bernd Hoffmann hingeworfen. Hoffmann bewirbt sich nun am 18. Februar für den Präsidenten-Posten des Gesamtvereins und würde bei einem Erfolg in den Aufsichtsrat der Fußball AG rücken. Ob das die Arbeit von Todt angenehmer macht, ist fraglich.

Fotocredits: Axel Heimken
(dpa)

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