U-Bahn in Berlin – mit dem Zug direkt in die Hölle

Ach wie schön war doch der Sommer. Mit dem Fahrrad munter durch die Smog-Wolken geradelt und nur ein- bis fünfmal knapp dem Tode durch motorisierte Mitmenschen, die die Straße für einen Autoscooter halten, entgangen. Nun haben wir aber wieder Winterzeit und deren tatsächliche Bedeutung liegt für mich in dem Zwang, wieder mit der U-Bahn täglich quer durch Berlin jockeln zu müssen.

Ein gutes halbes Jahr waren wir nun getrennt, die U-Bahn-Zombies und ich. Doch pünktlich zum Wetterumschwung sind sie alle wieder da. Einkaufspassagen, Discos, Universitäten, Fast-Food-Restaurants – überall in der Stadt ist es voll und stressig, aber nur im Untergrund hat sich eine Spezies entwickelt, die nie das Tageslicht zu sehen scheint und deren einziges Ziel es ist, mir den morgendlichen Weg so unerträglich wie möglich zu machen. Ich habe aus purem Frust mal angefangen, Kategorien zu erstellen für diese Orcs, denen man ausschließlich im U-Bahnschacht begegnet.

Als erstes treffe ich jeden Morgen die Um-die-Ecke-Bieger: Wieso sollten hinter der Kante, die ich nicht einsehen kann, denn noch andere Leute kommen? Da nehme ich die Ecke doch lieber im 90-Grad-Winkel und renn‘ die Oma um, die urplötzlich auftaucht! Diese Spezies kann man trotz des nicht geringen Frustes noch einigermaßen locker umgehen, indem man einfach selbst nicht läuft, als hätte man bis hierhin im luftleeren Raum gelebt.

An zweiter Stelle sind die Oooch-ich-hab-Zeit-Typen: Da sie selbst keinerlei Interesse daran haben irgendwo (und irgendwann) anzukommen, schlurfen sie über Treppen (gerne auch in Viererreihe) als gäbe es kein Morgen. Ich verpasse daraufhin allerdings in schöner Regelmäßigkeit die Bahn.

Dann gibt es noch die Ick-steh-jetze-ma-einfach-so-im-Weg-Troglodyten, die beim Warten alleine drei Plätze belegen – im U-Bahn-Waggon sind die übrigens auch so: Auch hier beanspruchen sie einige Plätze für sich und die schwangere Dame ist wieder die einzige im Abteil, die keinen Sitzplatz bekommt. Die Kollegen von der Sorte Was-bitte-ist-„personal-space“ rücken einem währenddessen dermaßen auf die Pelle, als würdem sie davon ausgehen, dass man transparent sei. Und wir haben natürlich die allseitsbeliebten Damen und Herren von der Geronten-Fraktion, die dringendst zu der Zeit mit ihrem schäbigen Rollwagen ihren Rentner-Einkauf erledigen müssen, wenn andere Leute auf dem Weg zur Arbeit sind.

Nichts ist aber schlimmer als folgende Subway-Morlocks: Kaum steht die Bahn, die Türen sind kaum auf, schon prischt alles vor, egal ob Passanten, Kinder oder Hautiere im Weg stehen. Vor einigen Jahren war es noch durchaus Usus, jemanden zuerst aus der Bahn steigen zu lassen, bevor man sich hereindrängelt. Und das war nicht völlig altruistisch: Wenn die anderen draußen sind, kriege ich einen Platz.

Und weniger blaue Flecken.

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