Wird Deutschland Weltmeister? Unsere Prognose für Brasilien

Wird Deutschland Weltmeister? Unsere Prognose für BrasilienDie Zeit vor der WM war für die deutsche Nationalmannschaft von Rückschlägen beherrscht: der Ausfall von Reus, die Losung in die knackige Vorrundengruppe, Probleme mit der Unterkunft, Blessuren bei Stammspielern wie Neuer oder Klose. Doch Deutschland war schon immer eine Turniermannschaft, die Erwartungen sind auch weiterhin hoch. Ob diese Erwartungen höher sind als das Potenzial von Jogis Jungs klärt unser WM-Check.

Reicht Jogi Löws Trainerqualität?

Seit dem Beginn seiner Amtszeit als Bundestrainer nach dem Sommermärchen 2006 mauserte sich Jogi Löw zu einem der beliebtesten Deutschen. Noch im Herbst 2013 gaben bei einer repräsentativen Umfrage 69 Prozent der Befragten an, dass Löw auch über die Weltmeisterschaft in Brasilien hinaus Bundestrainer bleiben soll. Dass das auch der DFB so sieht, zeigte seine vorzeitige Vertragsverlängerung bis zur EM 2016 – führte Löw seine Jungs doch 2008 bis ins EM-Finale gegen Spanien, gewann bei der WM 2010 das Spiel und Platz drei und schied bei der EM 2012 im Halbfinale glorreich gegen Italien aus.

Deutschlands Schwächen

Doch die Welt des Sports ist schnelllebig, mittlerweile gilt besonders die vorzeitige Vertragsverlängerung Löws als umstritten. Es werden Rufe laut, dass das deutsche Team bei großen Turnieren in den letzten Jahren zwar immer ganz passabel abgeschnitten habe – diese aber nie gewinnen konnte. Auch die WM-Vorbereitung trug maßgeblich zu dem neuen schlechten Ruf des Bundestrainers bei. Im Testspiel gegen Kamerun reichte es nur zu einem 2:2, die erste Halbzeit im Testspiel gegen Armenien war alles andere als überragend. Zwar gewann man dieses noch 6:1, zeigte ein paar schnelle Kombinationen und schoss schöne Tore, doch verletzte sich auch Hoffnungsträger Marco Reus so schwer, dass er nicht mit nach Brasilien fahren konnte. Auch Nationaltorwart Manuel Neuer ist angeschlagen – noch immer ist nicht klar, ob er aufgrund seiner Schulterprobleme im ersten Spiel gegen Portugal überhaupt auflaufen kann. Zudem war Klose in den letzten Monaten sehr verletzungsanfällig, Khedira kurierte gerade erst einen Kreuzbandriss aus und auch Lahm war angeschlagen.
Und auch wenn das Ergebnis des Testspiels gegen Armenien mit 6:1 angemessen hoch zu sein scheint, wird immer wieder die mangelnde Chancenauswertung des deutschen Teams kritisiert. In der gesamten Vorbereitung führten große Torchancen selten zu Treffern, das Spiel wurde teilweise sehr unsicher. Dies liegt daran, dass sich das Team noch nicht ganz aufeinander einstellen konnte, was zu Fehlern in den Laufwegen führt. Zudem versäumt die Mannschaft manchmal die Rückwärtsbewegung beim direkten Gegenpressing des Gegners – tödlich bei Spielen gegen Teams wie Portugal.

Die starke Rechte

Doch ist natürlich nicht alles nur schlecht und wir sagen es gern immer wieder: Deutschland ist eine Turniermannschaft. Besonders die rechte Seite ist äußerst stark. Diese Rechtslastigkeit im deutschen Spiel fällt schon seit 2012 auf. Dreh- und Angelpunkt ist hierbei Philipp Lahm, der entweder als Sechser oder als Rechtsverteidiger agiert. Auch der Rechtsaußen Thomas Müller ist ein Garant für gutes Spiel und trifft immer dann, wenn es der Gegner am wenigsten erwartet. Unterstützt wird er dabei von Mittelfeldmann Sami Khedira. Komplettiert wird der Sturm auf der rechten Seite von André Schürrle. Links wird nach dem Ausfall von Reus wohl wieder Lukas Podolski seinen Stammplatz haben – und dass der heiß auf Tore ist, zeigte er im Armenien-Spiel zur Genüge.

Flexibilität ist das Zauberwort

Weiterer Pluspunkt des deutschen Teams: Alles kann, nichts muss. Jogi Löw hat das Potenzial in der Mannschaft, das Spielsystem immer wieder variieren zu können. Ob 4-3-3-, 4-1-4-1- oder 4-2-3-1-System – die Flexibilität macht das neue Spiel der Deutschen aus. Und gerade diese Flexibilität kann ein entscheidender Vorteil gegenüber jeglichem Gegner sein, da Jogi Löw seine Jungs – vor allem die Offensivreihe – passend zum Spielsystem des Gegners aufstellen kann.
Bei einer eher stämmigen und weniger beweglichen gegnerischen Innenverteidigung kann Löw zum Beispiel auf Mario Götze setzen. Der Bayern-Spieler gilt als schnell und wendig und findet wieselflink jede noch so kleine Lücke auf dem Weg zum Tor. Ist der Gegner eher passiv aufgestellt, bildet Miroslav Klose die perfekte Spitze. Gerade seine Kopfballstärke kann hier zum Vorteil werden. Bayern-Star Thomas Müller wiederum sucht zwar zum einen die freien Räume, kann sich aber auch bei einer passiven Defensive durchsetzen.
Auch das Mittelfeld um Khedira, Schweinsteiger, Özil, Kroos und Kramer kann immer wieder neu erfunden werden. Dabei hilft vor allem, dass jeder dieser Spieler seine ganz eigenen Stärken und Charakteristiken mitbringt. Bastian Schweinsteiger beispielsweise ist der Spielgestalter, der aus der Tiefe des Raums kommt, Sami Khedira hingegen sucht eher das Spiel nach vorne oder weicht auch mal über die Außenseiten aus – ähnlich wie auch Mesut Özil.

Variantenreichtum und Taktiken

Da Joachim Löw in den bisherigen Testspielen immer wieder diese verschiedenen Varianten ausprobiert hat, ist (vielleicht beabsichtigt) ganz automatisch noch ein weiterer Vorteil für die deutsche Mannschaft entstanden: Niemand kann bisher die Löwsche Taktik voraussagen und somit kann sich auch niemand richtig auf Deutschland einstellen.
Zudem nutzt Löw vermehrt eine Taktik, die dem Gegner das deutsche Spiel nahezu aufzwingt: das Flachpassspiel. Besonders im Aufbauspiel sollen die Innenverteidiger keine langen Bälle mehr spielen, sondern den Ball möglichst genau und möglichst lange in den eigenen Reihen halten. Wenn dies gut klappt, führt das Flachpassspiel zwangsläufig dazu, dass die Gegner nur noch mitlaufen. Außerdem spielt Löw vermehrt mit der „falschen Neun“. Hierbei wird ein Spieler als einzige Spitze eingesetzt, lässt sich aber immer wieder fallen und stärkt so das Mittelfeld und die Defensive. Besonders Youngstar Erik Durm beherrscht dieses Spiel sehr gut, aber auch André Schürrle lässt sich als „falsche Neun“ einsetzen.

Unser Fazit

Die deutsche Nationalmannschaft ist wie ein Puzzle – wenn es Jogi Löw gelingt, alle Teile richtig zusammenzusetzen, kann das Team auch weit kommen. Das Potenzial ist in der drittjüngsten WM-Mannschaft aller Zeiten auf jeden Fall enthalten; allein Mesut Özil und Mario Götze sind auf dem Markt mehr wert als vier komplette WM-Teams. Zudem hat Löw auch einige Youngstars wie Erik Durm, Matthias Ginter oder Shkodran Mustafi in den Kader berufen, die sich natürlich beweisen wollen. Ein weiterer Vorteil der Mannschaft ist zudem die Flexibilität und eine gewisse Geheimniskrämerei um die Aufstellung – die bis jetzt angeblich noch nicht einmal die Stammspieler kennen. Auf der anderen Seite stehen hingegen auch einige Probleme. Es wird geunkt, dass manche Spieler wie Klose ihre besten Zeiten hinter sich haben, andere wiederum noch nicht so weit seien. Also: Wenn Jogi Löw schon in den Vorrundenspielen das Puzzle zusammensetzen kann, stellen wir die vorsichtige Prognose, dass Deutschland das Halbfinale erreicht und es dann vielleicht sogar mit Glück ins Finale schafft – doch die Konkurrenz schläft nicht, somit wird es wohl keinen Durchmarsch geben.

Bild: Thinkstock, iStock, cocogelado

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