Hertha wird 125: Blaues Blut und Abstürze

Berlin – Der Wunsch von Pal Dardai zum 125. Geburtstag von Hertha BSC passt genau, auch wenn er sich simpel anhört. «Dass wir in diesem Jahr ins Pokalfinale kommen. Das wünsche ich uns allen», übermittelte der Trainer zum Jubiläum, das die Berliner im Roten Rathaus feiern.

Immer wieder nach oben gestrebt, immer wieder enttäuscht und abgestürzt, aber auch immer wieder zurückgekommen. So lässt sich Herthas wechselvolle Geschichte nach dem frühen Höhepunkt der deutschen Meistertitel 1930 und 1931 zusammenfassen. Auch der Traum vom Pokalendspiel im eigenen Wohnzimmer Olympiastadion gehört seit Jahrzehnten zu den vielen belächelten und unvollendeten Geschichten der Alten Dame.

Zwangsabstieg, Bundesligaskandal, drohender Bankrott – aber auch jene zwei Meistertriumphe mit Idol Hanne Sobek, die goldenen 70er Jahre und eine Champions-League-Stippvisite 1999/2000: Kaum ein anderer der 18 derzeitigen Erstligisten hat sich in Fußballdeutschland so extrem zwischen Himmel und Hölle bewegt wie Hertha BSC. Nach der Gründung als BFC Hertha 92 durch die Weddinger Brüder Fritz und Max Lindner sowie Otto und Willi Lorenz auf einer Parkbank rettete die Fusion mit dem Berliner Sportclub – so noch heute der Name Hertha BSC – 1923 die Existenz. Kurz danach stand der Club sechsmal nacheinander im Finale um die deutsche Meisterschaft und gewann zweimal.

Hertha war und ist noch immer zum großen Teil ein Verein des einfachen Mannes. «Grüner Rasen, Fußball und Hertha – das ist schön», hat Rekordspieler Dardai einmal gesagt. Bei seinem Amtsantritt als Cheftrainer im Februar 2015 führte er sich mit diesen Sätzen ein: «Ich arbeite bis zum Tod. Ich habe blaues Blut und ein ungarisches Herz.» Das lieben alle Blau-Weißen.

Die Tradition spielt noch immer eine dominierende Rolle. Zwar sei der Bundesliga insgesamt der Spagat zwischen Tradition und Moderne sehr gut gelungen, bemerkte Herthas Rekordschütze und Geschäftsführer Michael Preetz, der als eine der wichtigsten Aufgaben die offene Frage um die Zukunft des Olympiastadions managen muss. Sein Verein selbst muss weiter um jeden Zentimeter Neuerung hart kämpfen.

Das wiederum hat viel mit der speziellen Vergangenheit zu tun. Nach dem dunkeln Kapitel in der Zeit des Nationalsozialismus durfte Hertha ab 1949 wieder spielen. Die Spielstätte «Plumpe» im Arbeiterviertel Gesundbrunnen wurde von Tellerminen befreit und neu aufgebaut. Hertha wurde von der politischen Insellage West-Berlins stark geprägt. Schon 1950/51 scheiterte nach der Flucht der fast kompletten Meistermannschaft des Dresdner SC mit dem späteren Bundestrainer Helmut Schön aus dem Osten der erste Versuch, den Berliner Mief ein wenig abzuschütteln. Die Fans waren mit Berliner Meistertiteln glücklich – wie 1956/57, als fast 80 000 das Endspiel sahen.

Hertha setzte sich auch in der entscheidenden Saison gegen die Lokalrivalen Tasmania und Viktoria durch, wurde so 1963 Gründungsmitglied der Bundesliga. 3000 Mark durften die Spieler um Otto Rehhagel damals verdienen und bis zu 10 000 Mark Handgeld bekommen. 1964/65 gab es für Hertha bereits den ersten Zwangsabstieg – nach illegalen Geldzahlungen. Der Verein kam zwar 1968 zurück. Doch der Bundesligaskandal 1971, in den Hertha verwickelt war, hätte den Club fast die Existenz gekostet.

Auch später ging es weiter auf und ab. Dettmar Cramer heuerte 1974 als Trainer für einen Tag an. Dafür kamen 88 075 Zuschauer 1979 beim 1:0 gegen Köln – noch heute Besucherrekord. Mit Erich «Ete» Beer gelang 74/75 die Vizemeisterschaft. 1979 stand Hertha im UEFA-Cup-Halbfinale gegen Roter Stern Belgrad, bevor es runter ging bis in die Berliner Amateurliga. 1994 war wegen Geldnot wieder die Lizenz in Gefahr.

Wenig später kam dann schon Dardai als junger Mann in die Stadt. «Ich hatte das Glück, dass ich direkt hier gelandet bin. Außerdem bin ich froh, hier alles miterlebt zu haben: Von der Champions League bis zur 2. Liga.» Mit dem Wiederaufstieg 1997 ins Oberhaus begann die neue Hertha-Geschichte. Die Chance direkt nach der Wiedervereinigung des Landes und der Stadt war zunächst kläglich verpasst worden.

Licht und Schatten blieben. Rekordschulden von über 50 Millionen Euro, zwei Abstiege genauso wie die wirtschaftliche Sanierung und die Beinahe-Meisterschaft 2009. Ach ja und der Pokal: Mit den Amateuren stand Hertha 1993 gegen Bayer Leverkusen im Heimfinale (0:1). Für die Profis ist es weiter ein Traum – und nun Dardais Geburtstagswunsch.

Fotocredits: Soeren Stache,Bernd Settnik,Bernd Settnik,Jörg Carstensen,Konrad Giehr,Maurizio Gambarini
(dpa)

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