HSV siegt und steigt ab – Krawalle beim Abschied

Hamburg – Das traurige Ende einer 55 Jahre währenden Bundesliga-Zugehörigkeit des Hamburger SV versank im Böller-und Rauchbomben-Krawall.

Was rund ein Prozent der 57.000 zumeist friedlichen Zuschauer im Volksparkstadion auslösten, war beschämend und wird weder der tapfer gegen den Abstieg kämpfenden HSV-Mannschaft noch den aufrichtigen Fans gerecht. Der 2:1 (1:1)-Sieg der Hamburger war am Ende nichts mehr wert, weil Abstiegskandidat VfL Wolfsburg mit 4:1 über Absteiger 1. FC Köln gewann und den Relegationsplatz verteidigte. Der HSV muss erstmals in die 2. Liga. Als wäre der erste Abstieg des Dinos nicht bitter genug, verschärften der kleine Haufen Ultras die Fassungslosigkeit bei den Fans.

«Hamburg ohne erste Fußball-Liga kann ich mir noch gar nicht vorstellen», sagte Club-Idol Uwe Seeler im TV-Sender Sky. Er habe nie gedacht, dass der HSV, «solange ich lebe, einmal absteigen würde. Ich glaube aber auch, dass wir wieder aufsteigen und ich dann noch mal 1. Liga zu sehen bekomme», sagte der 81-Jährige. Man arbeite «ab jetzt intensiv an dem klaren Ziel, bestmöglich vorbereitet in die nächste Saison zu gehen und den direkten Wiederaufstieg zu realisieren», kündigte HSV-Vorstand Frank Wettstein an.

«Die Spieler sitzen alle niedergeschlagen in der Kabine», berichtete Trainer Christian Titz. Aber sofort suchte er das Positive im dunkelsten Moment der HSV-Geschichte. «Es macht mich stolz, wie sich die Mannschaft dagegen gestemmt hat», sagte der Coach, der in den kommenden Tagen einen Zweijahresvertrag unterschreiben soll.

Als die Partie in der 90. Minute von Schiedsrichter Felix Brych unterbrochen wurde, waren auch Abbruch und damit verschärfte disziplinarische Konsequenzen für den HSV denkbar. Doch Brych behielt Ruhe, pfiff das Spiel rund 20 Minuten später wieder an, als noch eine Reihe Polizisten auf der Linie des HSV-Tores stand. Nach einem Abschlag der Mönchengladbacher beendete er die Partie, womit das Ergebnis in die Wertung des letzten Spieltages einging.

Die Zuschauer hatten die Randalierer lautstark ausgepfiffen. «Wir sind Hamburger und ihr nicht», hallte es durch die ausverkaufte Arena. «Das sind Anti-Fans», schimpfte Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher und lobte die Polizei: «Die Sicherheitskräfte haben besonnen und richtig reagiert.»

Die Tore für die Gastgeber erzielten Aaron Hunt per Elfmeter (11. Minute) und Lewis Holtby (63.). Für die Gäste traf Josip Drmic (18.). HSV-Stürmer Bobby Wood musste mit Gelb-Rot in der 71. Minute vom Platz. Die Gladbacher wurden Tabellenneunter und verpassten die Qualifikation für die Europa League. Ihre Trauer hielt sich im Vergleich zu der der Gastgebern aber in Grenzen. «Der letzte Glaube war heute nicht da», sagte Trainer Dieter Hecking.

Der Saisonendspurt unter HSV-Trainer Christian Titz mit nun 13 Punkten in acht Spielen kam zu spät. «Wir haben in den letzten Wochen richtig Gas gegeben», sagte Kapitän Gotoku Sakai traurig und verkündete auch in der 2. Liga bleiben zu wollen.

Schon vor der Partie gegen Gladbach hatten tausende Anhänger das Team mit Jubel am Stadion empfangen. Mit einem Spalier erwarteten sie den Mannschaftsbus, um den Profis ihre Unterstützung zu signalisieren und ihnen Mut zuzusprechen. «Niemals 2. Liga», schallte es durch die Sylvesterallee. Das Spiel hatte noch nicht begonnen, da tauchten die 57 000 Zuschauer die ausverkaufte Arena mit Sprechchören und Gesängen in eine Endspiel-reife Atmosphäre. Eine Choreographie mit zuvor ausgelegten 50 000 blau-weißen Raute-Pappen sorgte für Gänsehaut. Der Rahmen für die Rettung in die Relegation war bereitet.

Doch die Party-Stimmung ebbte plötzlich ab. Grund: Langsam sprach sich auf den Rängen die Kunde von der schnellen 1:0-Führung der Wolfsburger nach herum. Für Stimmung sorgte fortan nur die Nordtribüne. Mehr Leben kam auf durch einen Elfmeterpfiff von Schiedsrichter Brych nach Videobeweis. Dem Gladbacher Denis Zakara war ein Handspiel unterlaufen. Den Strafstoß verwandelte Hunt sicher (11. Minute) und löste damit einen Jubelsturm aus.

Mit dem Ausgleich der Gladbacher per Konter durch den Ex-HSV-Spieler Drmic sieben Minuten später schwand jedoch die Zuversicht erneut. Die Zuschauer mussten zwei Geschehen gleichzeitig im Blick behalten: das auf dem Rasen vor ihnen und jenes auf ihren Smartphones, das Auskunft über den Spielstand in der 185 Kilometer entfernten Wolfsburger Volkswagen-Arena gab. Denn die Videowand zeigte nichts.

Die Stimmung kehrte erst wieder zurück, als die Kölner in Wolfsburg den Ausgleich (32.) erzielten. Frenetisch trieben die Fans ihr Team nach vorn. Die Gastgeber waren die spielbestimmende Mannschaft, vergaben aber einige Möglichkeiten überhastet. Die konterstarken und schnellen Gladbacher blieben gefährlich.

Der HSV warf alles nach vorn. Tatsuya Ito (48.), Matti Steinmann (56.) und Filip Kostic (58., 62.) vergaben die fällige Führung. Mittlerweile führte Wolfsburg mit 2:1. Langsam wurde es wieder ruhiger in der Arena. Dann haute Holtby (63.) den Ball ins Gladbacher Tor zum verdienten 2:1 und der Lärmpegel schnellte blitzartig in die Höhe. Doch als Minuten später das 3:1 für Wolfsburg fiel, war die Hoffnung dahin.

Fotocredits: Axel Heimken
(dpa)

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