Koreas Eishockey-Frauen wollen Sport statt Politik

Gangneung – Ihr koreanisches Eishockey-Team teilte Sarah  Murray nicht nach geografischen oder politischen Aspekten, sondern nach Leistung ein.

Im letzten Training vor der lange Zeit unverhofften Olympia-Premiere der geeinten Auswahl am Samstag (13.10 Uhr MEZ) ließ die Trainerin zwei Gruppen aufs Eis: Sowohl im A-Team als auch im B-Team befanden sich Spielerinnen aus Süd- und Nordkorea. Das von ihr befürchtete Horror-Szenario bei der Zusammenführung scheint längst vergessen, wenn das erste Spiel gegen die Schweiz beginnt. Koreas Eishockey-Team könnte nun auch ohne sportlichen Erfolg eine der großen Geschichten der Pyeongchang-Spiele werden.

«Wir sind nicht hier für ein politisches Statement, sondern um zu siegen. Es geht um uns und nicht um Politik. Es geht um unser Team und dass wir konkurrenzfähig sind», stellte die 29-jährige Kanadierin, die lange in der Schweiz aktiv war, am Freitag klar. Mit ihren zusammengebundenen blonden Haaren und ohne Helm skatet Murray über das Eis und gibt den nach Position eingeteilten Trainingsgruppen in roten, grünen, blauen und weißen Leibchen Kommandos. 

Sie spricht laut, energisch und unmissverständlich auf Englisch, und genau in diesem Ton wird es den Spielerinnen auch übersetzt. Die Aufnahme und Integration von zwölf Nordkoreanerinnen scheint innerhalb kurzer Zeit entgegen anfänglicher Befürchtungen geklappt zu haben. «Die Chemie ist besser, als ich erwarten konnte. Es ist fantastisch», sagte Murray.

Bei der letzten Einheit vor dem Auftaktmatch gegen die Schweiz klicken in der kalten Trainingshalle von Gangneung immer wieder Kameras. Neben einheimischen Journalisten sind auch internationale  Vertreter da, insgesamt kommen rund 100 Zuschauer – sehr viel für ein Training im Frauen-Eishockey, das sonst Probleme mit seiner Popularität hat. Der deutsche Bundestrainer Marco Sturm findet die Zusammenführung gut, «weil die Frauen dadurch mehr Aufmerksamkeit bekommen».

Die Trainerin befürchtete eine feindselige Atmosphäre und eine  Einheit, die keine ist. Stattdessen sind die Frauen auch beim Essen zusammen. «Das ist unsere Familie, und das ist großartig», erklärte Murray, die selbst Spielerin war und Südkoreas Team seit 2014 betreut. Das sportliche Niveau der beiden Länder unterscheidet sich nicht wesentlich, für das olympische Turnier würden sich beide normalerweise nicht qualifizieren. Doch der reine Erfolg gerät ohnehin in den Hintergrund, wenn der Sport auf der Bühne der fünf Ringe ein Beispiel für Zusammenhalt und Einheit liefern kann.

IOC-Präsident Thomas Bach hatte die in Südkorea heftig kritisierte Zusammenführung als «ein großartiges Symbol der vereinigenden Kraft des olympischen Sports» bezeichnet. Als Gastgeber gesetzt war eigentlich nur Südkorea, weshalb nach der Vereinigung einige gesetzte Spielerinnen ihren Platz verloren haben. «Ich fragte mich: Wie soll das gehen? Teamgeist kannst du jetzt vergessen», hatte Murray am 17. Januar, dem Tag der Entscheidung, gesagt.

Doch es kam anders. Der Trainer aus Nordkorea kam mit Bereitschaft und Einigungswillen, seine Spielerinnen mit einer großen Portion Neugier. «Sie fragen so viel. Sie wollen alles wissen. Team-Meetings dauern nicht mehr eine Viertelstunde, sondern ich muss sie nach einer Stunde abbrechen», erzählte Murray. Gemäß der Vereinbarung müssen drei Nordkoreanerinnen gegen die Schweiz zum Einsatz kommen. Die Gedanken um Ärger und Neid sind anderen gewichen. «Ja, wenn wir gut spielen, dann können wir das Spiel gewinnen», betonte Murray.

Fotocredits: Frank Franklin Ii
(dpa)

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