Vom Abstiegskampf gen Europa: Frankfurts irres Halbjahr

Frankfurt/Main – Für das feierliche Ende eines irren Halbjahrs ließ sich die Mannschaft von Eintracht Frankfurt etwas Besonderes einfallen. Jeder Spieler und Betreuer überbrachte den Fans einen Weihnachtsgruß in seiner Heimatsprache.

Bei 31 Profis aus 17 Nationen kam da ein beinahe spielfilmlanges Video zustande, das nach dem 3:0-Derbysieg gegen Mainz 05 über die Stadionleinwände lief.

Gedacht war das vor allem als Dank an die vielen Anhänger, gewirkt hat es aber auch wie ein letzter Seitenhieb gegen alle Skeptiker und Kritiker vergangener Tage. Denn noch im August hatte es in Frankfurt überall geheißen: Was kann man mit einer derart zusammengewürfelten und bunt besetzen Truppe schon erreichen? Fünf Monate später weiß jeder: Etwas völlig Überraschendes, mit dem sportlich niemand gerechnet hat. Eintracht Frankfurt ging als Beinahe-Absteiger in diese Saison – und überwintert jetzt auf einem Europapokalplatz.

«Das ist eine überragende Geschichte», sagte Sportvorstand Fredi Bobic. Trainer Niko Kovac, der die Eintracht im März als Tabellen-16. übernommen hatte, holte noch etwas weiter aus. «Wenn man sieht, wie wir hier am 8.3. begonnen haben, wie wir danach die Relegation geschafft und wie wir im Sommer den Club und die Mannschaft verändert haben, dann bin ich sehr zufrieden», sagte er.

Der frühere kroatische Nationalcoach ist der Hauptverantwortliche für diese Entwicklung. Den Ehrgeiz und den Einsatz, den der 45-Jährige vorlebt, zeigen auch seine Spieler. Wie sehr dieses Team ihm folgt, ist Woche für Woche auch außerhalb des Spielfelds zu sehen. Dort predigte Kovac auch nach dem Sieg gegen Mainz noch einmal Demut, Bescheidenheit und harte Arbeit («Wir müssen erst die 40 Punkte vollmachen.»). Beim zweifachen Torschützen Branimir Hrgota (18./85.) klang das später so: «Es ist kein Wunder, dass wir da stehen, wo wir stehen. Aber wir dürfen jetzt nicht denken, wir sind schon in der Champions League. Wichtig ist, wie die Tabelle am Ende aussieht.»

Kovac hat ein gutes Gespür für den richtigen Umgang mit seinen Spielern. Bei dem erst 18 Jahre jungen Aymen Barkok etwa ist sich jeder sicher: «Da hat die Eintracht ein Juwel an Land gezogen (Kovac).» Der trickreiche Mittelfeldspieler schoss bereits beim 2:1 in Bremen das Siegtor. Gegen Mainz erzielte er das entscheidende 2:0 selbst (75.) und bereitete das 3:0 durch Hrgota sehenswert vor.

Zwischen diesen beiden Spielen weckte das große Talent allerdings Zweifel an der nötigen Bodenhaftung, als er beim 2:1-Sieg gegen Borussia Dortmund einige übermütige Dribblings zeigte. Wie sehr muss man einen jungen Spieler auf Linie bringen? Wie viel von seiner Unbekümmertheit und seinen ureigenen Qualitäten schleift man dadurch aber vielleicht auch ab? Auch diese mitunter schwierige Gratwanderung scheint Kovac bei seiner Entdeckung Barkok gut zu gelingen.

«Ich habe ihm gesagt: Bleib‘ sachlich», sagte Kovac. «Aber ich muss ihn nicht runterholen. Wenn er weiter so gut arbeitet, kann er ein sehr wertvoller Spieler für die Eintracht werden – und vielleicht auch international. Davon gibt es nicht viele in der Bundesliga

Ein Talent wie Barkok drängt aus den eigenen Reihen nach, lange verletzte Spieler wie Marc Stendera oder Danny Blum werden im Januar zurückerwartet: Eigentlich sieht man bei der Eintracht keinen Anlass, die Mannschaft in der Winterpause zu verstärken. «Wir haben einen guten Kader. Damit bin ich zufrieden», sagte Kovac. «Nur wenn sich etwas ergeben könnte, schlagen wir zu.» Verteidiger Anderson Ordóñez steht bereits als Neuzugang fest. Er kommt aus Ecuador und vertritt damit Nationalität Nummer 18 in diesem bunten, erfolgreichen Team.

Fotocredits: Arne Dedert
(dpa)

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